Critical Chain im PMBOK

In der fünften Auflage von 2013 hatte „A Guide to the Project Management Body of Knowledge“ die Critical-Chain-Methode von Goldratt endlich in Kapitel 6 aufgenommen.

Doch in der sechsten Auflage von 2017 ist Critical Chain sang- und klanglos wieder herausgefallen.

Leider veröffentlicht PMI keine Rationales für die einzelnen Fassungen. Daher bleibt – auch mangels öffentlicher Äußerungen zum Thema – unklar, weshalb sie diesen Schritt gegangen sind. Lange genug gewartet hatten sie mit der Aufnahme ja (Critical Chain ist von 1997), da kann man doch annehmen, daß das eine wohlüberlegte und fundierte Entscheidung war. Und dann die Kehrtwende nur vier Jahre später.

Ich finde natürlich schade, daß diese Methode die Adelung durch die PMI wieder verloren hat, aber noch problematischer finde ich, daß offenbar da draußen viele Projektleiter Critical Chain sagen und ein modifiziertes Critical Path machen.

Wenn Sie Sicherheitsreserven (oder Puffer) in die einzelnen Arbeitspakete einbauen, wenn Sie diese nicht zu einem oder wenigen Puffern „poolen“ (beispielsweise um explizit den kritischen Pfad zu schützen), wenn Sie die „Angstschätzungen“ akzeptieren und nicht darauf bauen, ja darauf drängen, daß die Hälfte der Arbeitspakete schließlich länger dauern werden, als Sie dafür Zeit eingeplant haben, dann machen Sie einfach kein Critical Chain.

Das ist nicht an sich schlecht, aber dann trotzdem von Critical Chain zu sprechen wäre Etikettenschwindel.

Critical Chain ist für die Furchtlosen, die nebenbei auch noch die Erwartungen des gesamten Umfeldes umkrempeln möchten („Was soll das heißen, daß Sie die Arbeitspakete auf Kante geplant haben und noch dazu die Schätzungen recht optimistisch sind? Sind Sie sich wirklich sicher, daß dieser Puffer am Ende reicht?“).

Für die, die ihre Entwickler erstmal an den Rand der Meuterei bringen wollen („Sie sagen so offen, daß wir nur rumfaulenzen? Was soll das heißen, Arbeit füllt immer die geplante Zeit aus? Trauen Sie uns nicht? Wir brauchen eine Sicherheitsreserve!“).

Wer das tut, hat meinen Respekt. Vielleicht war die Zeit wirklich noch nicht reif dafür…